«Die Schule von Antiochien hatte bald den Glanz der Alexandrinischen erreicht, ja sogar
überstrahlt. Beide konnten sich vielfach, ergänzen, da jede ihre eigenthümliche Entwicklung, Haltung und Methode hatte, konnten aber auch eben wegen iherer Verschiedenheit leicht unter sich in Kampf und auf Abwege von der Kirchenlehre gerathen. Während bei den Alexandrinern eine speculativ–intuitive, zum Mystischen sich hinneigende Richtung hervortrat, war bei den Antiochenern eine logischreflectirende, durchaus nüchterne Verstandesrichtung vorherrschend. Während jene enge an die platonische Philosophie sich anschlössen und zwar vorherrschend in der Gestalt, die sie unter dem hellenistischen Juden Philo gewonnen hatte, waren die Antiochener einem zum Stoicismus hinneigenden Eklekticismus, dann der Aristotelischen Schule ergeben, deren scharfe Dialektik ganz ihrem Geiste zusagte. Demgemäss wurde in der alexandrinischen Schule vorzugsweise die allegonsch–mystische Erklärung der heiligen Schrift gepflegt, in der Antiochenischen dagegen die buchstäbliche, grammatisch–logische und historische Interpretation, ohne dass desshalb der mystische Sinn und insbesondere die Typen des Alten Bundes gänzlich in Abrede gestellt warden wären. Die Origenisten suchen die Unzulänglichkeit des blossen buchstäblichen Sinnes und die Nothwendigkeit der allegorischen Auslegung nachzuweisen, da der Wortlaut vieler biblischen Stellen Falsches, Widersprechendes, Gottes Uiwürdiges ergebe; sie fehlten hier durch das Uebermass des Allegorisirens und durch Verwechslung der figürlichen Redeweisen, die dem Literalsinne angehören, mit der mystischen Deutung; sie verflüchtigten oft den historischen Gehalt der biblischen Erzählung, hinter deren äusserer Schale sie einen verborgenen Kern suchen zu müssen glaubten. Damit stand ferner in Verbindung, dass in der alexandänischen Schule das Moment des Uebervernünftigen, Unausprechlichen, Geheimnissvollen in den göttlichen Dingen stark betont wurde, während die Antiochener vor Allem das Vernunftgemässe, dem menschlichen Geiste Entsprechende in den Dogmen hervorhoben, das Christenthum als eine das menschliche Denken befriedigende Wahrheit nachzuweisen suchten. Indem sie aber dieses Streben verfolgten, wollten die hervorragenden Lehrer der antiochenischen Schule keineswegs den übernatürlichen Charakter und die Mysterien der Kirchenlehre bestreiten, sie erkannten diese in der Mehrzahl an, wie Chrysotomus und Theodoret; aber einzelne Gelehrte konnten über dem Bemühen, die Glaubenslehren leicht verständlich und begreiflich zu machen, ihren Inhalt verunstalten und zerstören».