Die zweite Welle, die den S"udural buchst"ablich umgestaltet hat, ist mit Slatoust – jener merkw"urdigen russischen und, so seltsam es klingen mag, gleichzeitig deutschen Stadt – verbunden. Im Ergebnis der Gr"undung einer Waffenfabrik und der Einladung von Meistern aus Solingen, entstand hier eine neue Produktionskultur, die sp"ater nur geschliffen und vervollkommnet wurde. Die deutschen Zeitarbeiter wurden im Ural ans"assig, nahmen die russische Staatsangeh"origkeit an und f"uhlten sich in den hiesigen Regionen schon nicht mehr als «Aussenstehende».
Aber dabei verloren sie auch ihre einzigartigen nationalen Eigenheiten nicht. Sie f"ugten dem russischen Leben und der Mentalit"at die deutsche Gewissenhaftigkeit und den Eifer, die strenge Erf"ullung der Pflichten, die strenge Ordnung und die Organisiertheit, den gr"undlichen Beherrschung ihrer T"atigkeit hinzu. Diese deutsche «Einimpfung des Professionalismus» hat sich f"ur den Ural als so bedeutsam erwiesen, dass auch heute die Region, in vielen kulturellen Traditionen und industriellen Besonderheiten, im Charakter der ganzheitlichen Entwicklung an jenen deutschen Anf"angen festh"alt.
Eine weitere Welle des deutschen Einflusses auf den S"udural fiel auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, als Zentralrussland und das deutsche Wolgagebiet in Bewegung kamen, und die durch die Stolypin-Reformen gew"ahrte M"oglichkeit nutzten, in neue Gebiete umzusiedeln. Der S"udural, damals bereits sehr wohlhabend, ausgestattet mit der notwendigen Infrastruktur und zuverl"assig mit anderen russischen Regionen verbunden, war attraktiv f"ur ein neues Leben. Und so zogen die Menschen hierher.
Die revolution"aren Ersch"utterungen, die j"ahen Wendungen der Geschichte, die das Land im 20. Jahrhundert erlebte, die schweren Pr"ufungen, die es zu bestehen hatte, liessen nat"urlich die menschlichen Schicksale nicht unber"uhrt – sie wurden tragisch in den neuen historischen Umst"anden zerrieben. Deshalb war es uns in unserem Buch so wichtig, von den «russischen Deutschen» zu erz"ahlen, die sich in den «schicksalhaften Minuten» im S"udural aufhielten.
Nat"urlich ist es unm"oglich, drei Jahrhunderte der deutschen Geschichte des Urals in einem Buch zu umfassen, ausf"uhrlich von den Menschen und den Geschehnissen zu erz"ahlen. Eine solche enzyklop"adische Aufgabe haben wir uns auch nicht gestellt. Es war wichtiger, «Knoten zu kn"upfen» – von Epochen und Schicksalen, die das Leben jener Menschen pr"agten, die in dieser Geschichte eine bedeutende Rolle gespielt haben. Ein menschliches Mosaik vor dem Hintergrund der Zeit – so k"onnte man wohl das Genre dieses Buches charakterisieren. Eines Buches, das die Vergangenheit der Deutschen des Urals mit ihrer Gegenwart verbinden soll, eine Art kleine Br"ucke zwischen den Zeiten.