»Automobile kauft man nicht, um Geld anzulegen, Knabe«, erklärte Gottfried abweisend.»Man kauft sie, um Geld auszugeben; und da beginnt bereits die Romantik, wenigstens für den Geschäftsmann. Für die meisten Leute hört sie sogar damit auf. Was meinst du, Otto?«
»Weißt du…«, begann Köster vorsichtig.
»Wozu lange reden«, unterbrach ich ihn.»Das ist ein Inserat für einen Kurort oder eine Schönheitscreme, aber nicht für ein Automobil.«
Lenz öffnete den Mund.
»Augenblick«, fuhr ich fort.»Uns hältst du ja doch für befangen, Gottfried. Ich mache dir deshalb einen Vorschlag: Fragen wir mal Jupp. Das ist die Stimme des Volkes!«
Jupp war unser einziger Angestellter, ein Junge von fünfzehn Jahren, der eine Art Lehrlingsstelle bei uns hatte. Er bediente die Benzinpumpe, besorgte das Frühstück und räumte abends auf. Er war klein, übersät mit Sommersprossen und hatte die größten abstehenden Ohren, die ich kannte. Köster erklärte, wenn Jupp aus einem Flugzeug fiele, könnte ihm nichts geschehen. Er käme durch die Ohren in sanftem Gleitflug zur Erde.
Wir holten ihn heran. Lenz las ihm das Inserat vor.»Würdest du dich für so 'nen Wagen interessieren, Jupp?«fragte Köster.
»Einen Wagen?«fragte Jupp zurück.
Ich lachte.»Natürlich einen Wagen«, knurrte Gottfried.»Meinst du ein Heupferd?«
»Hat er Schnellgang, von oben gesteuerte Nockenwelle und hydraulische Bremsen?«erkundigte Jupp sich ungerührt.
»Schafskopf, es ist doch unser Cadillac«, fauchte Lenz.
»Nicht möglich«, erwiderte Jupp und grinste von einem Ohr zum andern.
»Da hast du's, Gottfried!«sagte Köster.»Das ist die Romantik von heute.«
»Scher dich wieder an deine Pumpe, Jupp, verfluchter Sohn des zwanzigsten Jahrhunderts!«
Lenz verschwand mißmutig in der Bude, um dem Inserat bei aller Wahrung seines poetischen Schwunges doch etwas mehr technischen Halt zu geben.
Ein paar Minuten später erschien Oberinspektor Barsig plötzlich in der Hoftür. Wir empfingen ihn mit großen Ehren. Er war Ingenieur und Sachverständiger der Phönix-Autoversicherung, ein wichtiger Mann, um Reparaturen zugewiesen zu bekommen. Wir standen glänzend mit ihm. Als Ingenieur war er zwar ein scharfer Satan, der nichts durchgehen ließ, aber als Schmetterlingsfachmann war er weich wie Butter. Er hatte eine große Sammlung, und wir hatten ihm einmal einen dicken Schwärmer geschenkt, der nachts in unsere Werkstatt geflogen war. Barsig war blaß und feierlich geworden, als wir ihm das Tier überreichten. Es war ein Totenkopf, eine unerhörte Seltenheit, die ihm in seiner Sammlung noch gefehlt hatte. Er vergaß uns das nie und besorgte uns seitdem Reparaturen, wo es ging. Wir fingen ihm dafür jede Motte, die wir erwischen konnten.
»Einen Wermut, Herr Barsig?«fragte Lenz, der schon wieder obenauf war.
»Keinen Alkohol vor abends«, erwiderte Barsig.»Eisernes Prinzip bei mir.«
»Prinzipien muß man durchbrechen, sonst machen sie keine Freude«, erklärte Gottfried und schenkte ein.»Auf die Zukunft der Ligusterschwärmer, der Pfauenaugen und Perlmutterfalter!«
Barsig zögerte einen Moment.»Wenn Sie mir so kommen, kann ich nicht nein sagen«, sagte er und griff zu.»Aber dann wollen wir auch auf die kleinen Ochsenaugen anstoßen.«Er lächelte verlegen, als gäbe er etwas Zweideutiges von einer Frau zum besten.»Ich habe da nämlich eine neue Spielart entdeckt. Mit borstigen Fühlern.«
»Donnerwetter«, sagte Lenz,»alle Achtung! Dann sind Sie ja ein Pionier, und Ihr Name kommt in die Naturgeschichte.«
Wir tranken alle noch ein Glas auf die borstigen Fühler.
Barsig wischte sich den Schnurrbart.»Ich bringe Ihnen eine gute Nachricht. Sie können den Ford abholen. Die Direktion hat bewilligt, daß Sie die Reparatur machen.«
»Großartig«, sagte Köster.»Wir können sie gut brauchen. Und wie steht es mit unserm Kostenanschlag?«
»Auch bewilligt.«
»Ohne Abzug?«
Barsig kniff ein Auge zu.»Die Herren wollten erst nicht recht. Aber schließlich…«
»Ein volles Glas auf die Phönixversicherung!«sagte Lenz und schenkte erneut ein.
Barsig stand auf und verabschiedete sich.»Denken Sie an«, sagte er im Gehen,»die Frau, die mit in dem Ford war, ist vor ein paar Tagen doch noch gestorben. Hatte nur Schnittwunden. Wahrscheinlich zuviel Blut verloren.«
»Wie alt war sie denn?«fragte Köster.
»Vierunddreißig«, erwiderte Barsig.»Schwanger im vierten Monat. Mit zwanzigtausend Mark versichert.«
Wir fuhren gleich los, um den Wagen zu holen. Er stand bei einem Bäckermeister. Der Mann war nachts halb betrunken damit gegen eine Mauer gerast. Nur seine Frau war verletzt worden; er selbst hatte nicht einen Kratzer abbekommen.
Wir trafen ihn in der Garage, als wir den Wagen zum Abschleppen fertigmachten. Er sah uns eine Zeitlang schweigend zu und stand etwas zusammengesackt da, mit rundem Rücken und kurzem Hals, den Kopf ein wenig vorgebeugt. Mit der ungesunden grauweißen Gesichtsfarbe, die alle Bäcker haben, sah er im Halbdunkel aus wie ein großer trauriger Mehlwurm. Langsam kann er heran.»Wann ist der Wagen fertig?«fragte er.
»In ungefähr drei Wochen«, erklärte Köster.