Lucan ging auf dem Weg in die Küche durch das Wohnzimmer, wo die Blutstropfen weitergingen. Als er weiter ins Innere der Wohnung kam, blieb sein Blick an einem Stapel Fotos hängen, die auf dem Couchtisch lagen.
Es waren grobe Entwürfe, eine seltsame Auswahl von Bildern. Einige erkannte er von Gabrielles aktueller unfertiger Arbeit, von der, die sie
Aber nun bemerkte er sie.
Verdammt, und wie er sie bemerkte.
Eine alte Lagerhalle in der Nähe des Kais. Eine verlassene Papiermühle direkt vor der Stadt. Diverse andere abschreckend aussehende Gebäude, in deren Nähe kein Mensch – und erst recht keine ahnungslose Frau wie Gabrielle – je kommen sollte.
Verstecke der Rogues.
Einige von ihnen hatten nun ausgedient, dank Lucan und seinen Kriegern, aber einige andere waren noch aktiv. Er erkannte mehrere, die momentan von Gideon observiert wurden. Als er die anderen Aufnahmen durchging, fragte er sich, wie viele andere Fotos von Standorten der Rogues hier herumlagen, die vom Stamm noch nicht überwacht wurden.
„Oh Gott“, flüsterte er angespannt und blätterte einige weitere Bilder durch.
Gabrielle verfügte sogar über einige Außenaufnahmen von Dunklen Häfen der Stadt, von verborgenen Eingängen und getarnten Hinweisen, die die Zufluchtsorte der Vampire vor der Entdeckung, egal ob durch neugierige Menschen oder durch feindliche Rogues, schützen sollten.
Aber Gabrielle hatte all diese Orte gefunden. Und wie?
Todsicher nicht durch Zufall. Ihr außergewöhnlicher Sehsinn musste sie dorthin geführt haben. Sie hatte sich bereits als fast immun gegen die allgemeinen Tricks der Vampirlist erwiesen – Sinnestäuschung durch Massenhypnose, Bewusstseinskontrolle … und nun dies.
Mit einem Fluch schob Lucan einige Bilder in die Tasche seiner Lederjacke und warf den Rest dann zurück auf den Tisch.
„Gabrielle?“
Er ging in die Küche, wo etwas noch Beunruhigenderes auf ihn wartete.
Der Geruch von Gabrielles Blut wurde hier stärker und zog Lucan zur Spüle. Als er davorstand, erstarrte er, und etwas Kaltes krampfte sich in seiner Brust zusammen, als er in das Becken starrte.
Es sah aus, als hätte jemand versucht, einen Verbrechensschauplatz zu säubern, das aber erbärmlich schlecht. Mehr als ein Dutzend durchnässter, blutbefleckter Blätter einer Küchenrolle lagen zusammengeknüllt im Abfluss, zusammen mit einem Schälmesser, das aus dem Holzblock auf der Spüle stammte.
Er hob das scharfe Messer auf und untersuchte es schnell. Es war nicht benutzt worden, aber das Blut, das in der Spüle war und das auf den Boden vom Vorraum bis hin zur Küche getropft war, war Gabrielles.
Und die zerrissene Kleidung, die fallen gelassen worden war und in einem Haufen zu seinen Füßen lag, trug ebenfalls ihren Geruch.
„Gabrielle!“
Seinen Sinnen folgend, ging Lucan ins Kellergeschoss der Wohnung. Er hielt sich nicht damit auf, das Licht anzumachen, denn sein Sehvermögen war im Dunklen äußerst scharf. Er polterte die Treppe hinunter und rief ihren Namen in die Stille.
In der hintersten Ecke war Gabrielles Geruch am stärksten. Lucan stellte fest, dass er vor einer weiteren verschlossenen Tür stand. Diese hier war mit einem Rahmen aus dicken Dichtungsleisten ausgestattet, um das gesamte Licht, das sonst von außen hereingedrungen wäre, abzuhalten. Er probierte den Türgriff aus und rüttelte an der Tür, die mit einem schwachen Schloss ausgestattet war.
„Gabrielle! Kannst du mich hören? Süße, mach die Tür auf.“
Er wartete nicht auf eine Antwort. Dazu reichte seine Geduld nicht aus, und auch nicht die Konzentration, die nötig wäre, um den Haken auf der anderen Seite der Tür sorgfältig zu lösen. Mit einem wütenden Knurren rammte Lucan seine Schulter gegen die Tür und sprengte sie auf.
Seine Augen fanden Gabrielle augenblicklich in dem dunklen Raum. Ihr Körper lag zusammengerollt auf dem Boden der beengten Dunkelkammer, nackt bis auf einen knappen Spitzenbüstenhalter und eine Bikinihose. Durch das Krachen der aufgesprengten Tür wachte sie auf.
Ihr Kopf fuhr nach oben, aber ihre Augenlider waren schwer und geschwollen, als ob sie vor Kurzem noch geweint hätte. Er nahm an, dass sie hier geweint hatte, und zwar einige Zeit. Erschöpfung strahlte wellenförmig von ihr aus. Sie sah so klein aus, so verletzlich.
„Oh Gott, Gabrielle“, flüsterte er und hockte sich neben sie. „Was zum Teufel machst du hier drin? Hat jemand dir wehgetan?“
Sie schüttelte den Kopf, antwortete aber nicht sofort. Fahrig strich sie sich das Haar aus dem Gesicht und versuchte ihn in der Dunkelheit zu finden. „Nur … müde. Ich brauchte Stille … Ruhe.“