»Ist er …«, begann sie.
»Noch nicht«, antwortete Volemak ruhig.
Nafai saß auf einem Stuhl in der Ecke. Rasa verließ das Haus, sagte nur: »Macht schnell.« Ihnen wurde klar, daß sie nicht draußen sein wollte, wenn ihr Gatte starb.
»Nafai«, flüsterte Volemak. »Gib ihr den Mantel des Herrn der Sterne.«
»Was?« sagte Schedemei.
»Schedemei«, sagte Volemak. »Nimm den Mantel. Lerne, wie man ihn benutzt. Bring das Schiff in den Himmel, wo kein Mensch es berühren oder benutzen kann. Lebe lang — der Mantel wird dich erhalten. Paß auf die Erde auf.«
»Das ist die Aufgabe des Hüters, nicht die meine«, sagte Schedemei, aber in Wirklichkeit war kein Protest in ihrem Herzen. Volemak will, daß ich den Mantel und das Schiff bekomme! Volemak will, daß ich das einzige anständige Laboratorium auf der Welt bekomme, und genug Zeit, um es zu nutzen!
»Der Hüter der Erde wird sich über jede Hilfe freuen, die er bekommt«, sagte Volemak. »Könnte er seine Arbeit allein tun, hätte er uns nicht hierher geholt.«
Nafai stand auf und legte dabei seine Kleidung ab. »Er wird von meinem Fleisch in das deine übergehen«, sagte er. »Falls du ihn annehmen willst. Und falls ich bereit bin, ihn aufzugeben.«
»Bist du das?« fragte Schedemei.
»Behandle diese Welt wie deinen Garten«, sagte Nafai. »Und paß auf mein Volk auf, wenn ich schlafe.«
Volemak starb in dieser Nacht, und nur Rasa war bei ihm. Im Morgengrauen war sein Dahinscheiden von der tiefsten Kammer der Wühlerstadt bis zum höchsten Nest der Engel bekannt. Die Trauer unter den Engeln war groß und echt, und auch unter all jenen Wühlern, die nicht in den Krieg ziehen wollten. Sie wußten, daß der Frieden für sie alle zu Ende war; und sie hatten den Menschen Volemak auch geliebt und geehrt, nicht nur seiner Autorität wegen, sondern auch wegen der Art und Weise, wie er sie eingesetzt hatte.
Auf Rasas Bitte verbrannten sie seine Leiche nicht, sondern begruben sie entsprechend der Gebräuche der Wühler.
Erst zwei Tage später kam es zum Machtkampf. Nafai bereitete sich darauf vor, zum Dorf der Engel zurückzukehren, wo Luet bereits auf ihn wartete. Elemak fing, flankiert von Meb und Protschnu und mit einem Dutzend Wühlersoldaten hinter ihm, Nafai am Waldrand ab.
»Bitte geh nicht«, sagte Elemak.
»Luet wartet«, sagte Nafai. »Liegt etwas Dringendes an?«
»Ich würde es zu schätzen wissen, wenn du nicht gehen würdest«, sagte Elemak. »Ich werde Luet benachrichtigen, daß sie hierher kommen soll. Mir wäre es lieber, wenn du jetzt in diesem Dorf wohnst. Das Himmelsfleisch braucht dich nicht mehr.«
Seine Worte und sein Benehmen waren sanft, so daß
»Es freut mich, das zu hören«, sagte Nafai. »Ich dachte, ich müßte noch sehr viel für sie tun. Aber dann kann ich mich wohl in den Ruhestand zurückziehen.«
»O nein, hier unten ist noch sehr viel zu tun«, sagte Elemak. »Felder müssen gerodet und Tunnel gegraben werden. Sehr viel Arbeit. Und dein Rücken ist noch stark, Nafai. Ich glaube, es steckt noch eine Menge Arbeitskraft in dir.«
Er wurde in Volemaks Haus gebracht. Rasa begriff sofort, was geschah, und sie nahm es nicht ruhig hin. »Du warst schon immer eine Schlange, Elemak, aber ich dachte, du hättest schon vor langer Zeit gelernt, daß du nichts damit erreichst, Nafai gefangenzunehmen.«
»Nafai ist nicht mein Gefangener«, sagte Elemak. »Er ist ein ganz normaler Bürger, der seine Pflicht für die Gemeinschaft tut.«
»Erwartest du etwa, ich hätte so gute Manieren, daß ich so tue, als würde ich deinen Lügen Glauben schenken?« fragte Rasa.
»Herrin Rasa«, sagte Elemak. »Nafai ist mein Bruder. Aber du bist
»Wofür ich der Überseele dankbar bin, das kannst du mir glauben.«
»Bitte, Mutter«, brach Nafai schließlich sein Schweigen. »Halte Frieden. Elemak glaubt, er würde hier herrschen, doch diese Welt gehört dem Hüter, nicht ihm oder irgendeinem Menschen. Er hat hier keine Macht.«
Zu einer anderen Zeit wäre Elemak angesichts dieser Worte in Wut geraten, hätte gepoltert und gedroht oder einfach zugeschlagen. Aber er war jetzt ein anderer Mensch, ein gemäßigter Mann, ein Mann mit Disziplin und ruhiger, skrupelloser Klugheit. Er sagte nichts, beobachtete einfach, wie Nafai ins Haus seines Vaters ging. Dann traten zwei Wühlersoldaten als Wachtposten vor die Tür.
Rasa ging zum Schiff, zu Schedemei. »Elemak weiß wahrscheinlich nicht, daß du jetzt den Mantel hast, Schedemei. Du könntest ihn benutzen, um ihn aufzuhalten, ihn niederzuschlagen.«
Schedemei schüttelte den Kopf. »Ich beherrsche ihn noch nicht so gut. Ich lerne noch. Dieser Mantel ist eine schreckliche Last. Ich weiß nicht, wie Nafai sie ertragen konnte.«
»Siehst du denn nicht, daß er völlig hilflos ist? Elemak wird ihn töten, wahrscheinlich noch heute nacht. Er wird Nafai nicht bis zum Morgen leben lassen.«