»Du kannst bei ihm bleiben«, sagte Nafai. »Niemand wird dir deshalb Vorwürfe machen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich weiß, was er ist«, sagte sie. »Als ich ihn geheiratet habe, habe ich es nicht gewußt, aber jetzt weiß ich es. Er ist einer von ihnen. In seinem Herzen und seiner Seele ist er einer von ihnen.« Sie legte die Hände auf den Bauch. »Aber das Baby gehört mir.«
Eiadh berührte Nafais Arm. »Du mußt uns nicht mitnehmen, Nafai. Ich weiß, in welche Gefahr dich das bringt. Er wird es dir niemals verzeihen. Er wird glauben, daß du und ich …«
»Er wird glauben, daß wir beide getan haben, was er und Kokor und er und Sevet und wahrscheinlich auch er und Dol schon längst getan haben.« Nafai nickte. »Aber wir beide wissen, daß wir es nicht getan haben und niemals tun werden.«
Eiadh lächelte blaß, als er ihr so sanft klarmachte, daß sie als Mitbürgerin und nicht als seine Geliebte mitkam.
»Dann sind alle da«, sagte Chveja.
»Nein, noch nicht«, sagte Nafai. »Ich muß meine Schwestern einladen.«
»Sie schlafen mit
»Nehmen wir nur die Starken und Tugendhaften mit?« fragte er. »Ihre Gatten sind tot, und wie du gesagt hast, war Moral noch nie ihre Stärke. Aber sie sind meine Schwestern.« Er ging davon, zurück ins Dorf.
Es war eine Geisterstadt. Die Türen standen offen; die Leute waren fort oder schliefen in einigen wenigen Häusern tief und fest. Doch als Nafai zur Tür von Sevets Haus kam, stand sie schon auf der Schwelle. Sie schaute verschlafen und überrascht drein. »Ich hatte einen Traum«, sagte sie, als Nafai zu ihr trat. »Ich erinnere mich nicht mal mehr an ihn, aber er befahl mir aufzustehen, und da bist du.«
»Wir gehen«, sagte Nafai. »Bevor Elemak die Gelegenheit bekommt, mich zu töten, gehen wir. Alle, die nicht unter seiner Herrschaft leben wollen. Wir nehmen sämtliche Engel mit und ziehen zu einem fernen Ort.«
»Er wird euch aufspüren und töten, falls er es kann«, sagte Sevet. »Du weißt nicht, wieviel Haß in ihm ist.«
»Doch, das weiß ich«, sagte Nafai. »Möchtest du mich begleiten?«
Sie fing an zu weinen. »Willst du mich mitnehmen? Nach allem, was ich getan habe?«
»Möchtest du wirklich mitkommen?« fragte er. »Willst du jetzt wirklich zu mir stehen?«
»Ich habe solche Angst vor ihm«, sagte sie. »Und meine Vasnaminanja und meine Umja — sie glauben, mit ihm geht die Sonne auf und unter.«
»Aber Panimanja begleitet uns«, sagte Nafai.
»Und ich auch«, sagte Sevet.
Sie gingen zu Kokors Tür. Sie stand zwar offen, doch Kokor wartete nicht auf der Schwelle, wie Sevet es getan hatte. Sie gingen leise hinein und stellten fest, daß sie nicht allein in ihrem Bett war. Mebbekew lag neben ihr, nackt und in der feuchten Hitze der Nacht schwitzend. Doch Mebbekew schlief, während Kokors Augen bereits weit geöffnet waren, als sie das Zimmer betraten.
Sie sagten nichts, aus Angst, Meb könne erwachen. Kokor schaute sie blinzelnd in der Dunkelheit an. Nafai nickte ihr zu, winkte ihr und führte Sevet dann hinaus. Sie warteten einige Schritte vom Haus entfernt. Kurz darauf kam sie hinaus, noch ihre Kleidung richtend. »Ihr geht«, sagte sie leise. »Ich habe es geträumt.«
»Willst du uns begleiten?« fragte Nafai.
Kokor blickte Sevet an, und ihre Augen wurden groß. »Uns?« fragte sie.
»Wenn du willst, kannst du bei ihm bleiben, Kokor«, sagte Sevet. »Ich glaube, er liebt dich.«
»Er liebt keinen mehr«, sagte Kokor.
»Ich habe nicht Meb gemeint«, sagte Sevet.
»Ich weiß«, erwiderte Kokor. »Aber könnte ich euch denn begleiten, wenn ich es möchte?«
»Es gibt keine Rückkehr«, sagte Nafai. »Und in unserer neuen Stadt respektieren wir die Gesetze.«
Sie begriffen, was er ihnen sagte. »Vielleicht haben wir mittlerweile genug davon bekommen«, sagte Sevet.
Kokor verdrehte die Augen. »Ich werde nie genug davon bekommen«, sagte sie. »Aber ich weiß, daß es nicht Basilika sein wird. Ich werde brav sein.«
»Bist du sicher, daß du hier nicht glücklicher wärest?« fragte Nafai.
»Willst du denn nicht, daß wir dich begleiten?« fragte Kokor.
»Natürlich will ich das«, antwortete er.
»Bring uns ein bißchen Vertrauen entgegen, Nafai«, sagte Kokor. »Wir kennen den Unterschied zwischen dir und Elemak. Wir können Stahl von billigem Blech unterscheiden, wenn wir ihn sehen.«
»Dann gehen wir«, sagte Nafai. »Uns erwartet diese Nacht noch eine lange Reise.«
Ojkib führte die lange Prozession bereits auf den Waldweg, so daß nur noch wenige dort waren, als Nafai zurückkam, unter ihnen Rasa und Zdorab an Bord des Beibootes. Schedemei war auch noch da.
»Versiegele das Schiff«, sagte Nafai. »Sie können nicht hinein, wenn du sie nicht läßt.«
»Ich weiß«, antwortete sie. »Dem Schiff wird nichts geschehen.«
»Versuche nicht, den Helden zu spielen«, sagte Nafai. »Wir werden schon klarkommen.«
»Ihr braucht mehr als nur eine Nacht Vorsprung«, sagte Schedemei.