Aus den Zedernwäldern erhob sich ein schmaler Fußweg, er wand sich in Serpentinen vor den abweisenden Berghängen hinauf bis zum langen Anstieg zum Gipfel des Hanuman ji Ka Tiba, dem »Weißen Berg«, dem mit 5600 Metern höchsten Gipfel der Gebirgskette. Nach ungefähr drei Kilometern zweigte ein fast unsichtbarer Pfad vom Hauptweg ab. Vom Gipfel fortführend, verlief er an einer in den Fels gehauenen Steilwand und beschrieb mehrere schmale, schreckenerregende Kehren, bis er schließlich auf einen Felsvorsprung mündete. Hier stand seit zighundert Jahren ein großes Kloster – aus dem Fels gehauen und kaum erkennbar vor dem Berg, welcher es umgab –, dessen Zierrat an den schräg abfallenden Befestigungsanlagen und zugespitzten Dächern fast vollständig von der Zeit und vom Wetter abgetragen war.
In einem kleinen Innenhof hoch oben im Kloster, umgeben auf drei Seiten von einem Säulengang, der einen weiten Blick in das darunterliegende Tal bot, saß Constance Greene. Regungslos schaute sie einem vierjährigen Jungen beim Spielen zu. Er arrangierte Gebetsperlen zu einem Muster von erstaunlicher Komplexität für ein Kind in seinem Alter.
Jetzt erklang ein zweiter trauervoller Trompetenstoß, und eine Gestalt erschien in dem dunklen Durchgang, ein Mann von Anfang sechzig, er trug das orangefarbene Gewand eines buddhistischen Mönchs. Er sah Constance an, lächelte und nickte.
»Es ist Zeit«, sagte der Mann in einem Englisch mit leichtem tibetischem Akzent.
»Ich weiß.« Sie breitete die Arme aus, und der Junge stand auf, drehte sich um und umarmte sie. Sie küsste ihn auf den Kopf und dann auf jede Wange. Dann aber gab sie ihn frei und erlaubte dem Mönch namens Tsering, ihn an der Hand über den Innenhof und in die Tiefen des Klosters zu führen.
Sie lehnte sich mit dem Rücken an eine der Säulen und schaute über die weite Bergwelt. Geräusche drangen an ihr Ohr: Stimmen, das Wiehern eines Pferdes. Constance achtete kaum darauf. Unruhig blickte sie auf die tief unten liegenden Wälder, auf die spektakulären Flanken des Weißen Berges, der sich neben ihr erhob. Der Geruch von Sandelholz wehte herauf, zusammen mit den vertrauten Klängen eines Sprechgesangs. Während sie in die Ferne schaute, nahm sie in sich – wie so oft in diesen Tagen – ein vages Gefühl der Unzufriedenheit wahr, eines unerfüllten Verlangens, einer nicht beendeten Aufgabe. Ihre Ruhelosigkeit verwirrte sie: Sie war bei ihrem Sohn, an einem wunderschönen und ruhigen Ort des meditativen Rückzugs und der Kontemplation, was konnte sie mehr erwarten? Und doch schien die Ruhelosigkeit nur größer zu werden.
»Führe mich in alles Unglück«, murmelte sie das uralte buddhistische Gebet halblaut. »Nur auf diesem Weg kann ich das Negative in das Positive verwandeln.«
Jetzt erklangen Stimmen in dem dunklen Gang im Inneren des Klosters, und sie drehte sich zu ihnen um. Kurz darauf erschien ein hochgewachsener Mann in staubiger, altmodischer Reisebekleidung in dem Innenhof.
Verwundert sprang Constance auf. »Aloysius!«
»Constance«, sagte er. Er ging rasch auf sie zu, dann blieb er ebenso plötzlich stehen, scheinbar unschlüssig. Nach einem unangenehmen Augenblick bedeutete er ihr, sich neben ihn auf den steinernen Wehrgang zu setzen. Sie saßen Seite an Seite, und sie starrte ihn einfach nur an, zu überrascht von seinem abrupten und unerwarteten Erscheinen, um etwas zu sagen.
»Wie geht es dir?«, fragte er.
»Nun ja, danke.«
»Und deinem Sohn?«
Daraufhin hellten sich ihre Gesichtszüge auf. »Er lernt schnell, er ist so glücklich und voller Sanftheit und Mitgefühl, so ein schöner Junge. Er geht raus und füttert die wilden Tiere und Vögel, die aus den Bergen zu ihm kommen, völlig ohne Angst. Die Mönche sagen, er ist alles, was sie sich erhofft haben, und viel mehr.«
»Constance, es gibt keine leichte oder anmutige Art für mich, um in Worte zu fassen, was ich zu sagen habe. Daher will ich es so einfach formulieren, wie ich kann. Du musst mit mir zurückkehren.«
Diese Ankündigung stellte eine noch größere Überraschung dar als seine Ankunft. Constance schwieg.
»Du musst nach Hause kommen.«
»Aber mein Sohn –«
»Sein Platz ist hier, bei den Mönchen, als der Rinpoche. Du hast eben gesagt, dass er diese Rolle bewundernswert gut ausfüllt. Aber du bist kein Mönch. Dein Platz ist in der Welt – in New York.
Sie holte tief Luft. »Das ist nicht ganz so einfach.«
»Dessen bin ich mir bewusst.«
»Da ist noch eine Sache, die zu überlegen ist …« Sie zögerte, wusste nicht, was sie sagen sollte. »Was genau soll geschehen – was bedeutet das für uns?«
Ganz plötzlich nahm er ihre Hände in seine. »Ich weiß es nicht.«
»Aber warum diese Entscheidung? Was ist passiert?«