Zdorab schaute zu ihm auf und lächelte. »Ich war wirklich ungeschickt, nicht wahr? Die Überseele hat mein Wecksignal sofort gefunden.« Dann blinzelte er, schritt schneller aus und ließ Elemak zurück. Elemak ging langsam weiter und dachte nach. Dann lächelte er verkniffen und bog in den Gang, der zu den Zimmern seiner Familie führte.
Nur noch Volemak und Rasa waren mit Nafai und Luet in der Küche geblieben. »Du bist töricht«, sagte Volemak. »Du mußt tun, was die Überseele befiehlt.«
»Was die Überseele befiehlt«, sagte Luet, »wird dafür sorgen, daß unsere Kolonie sich auf Dauer in zwei unversöhnliche Splittergruppen aufspaltet. Damit würde sie einen so tiefen Graben aufreißen, daß er auch nach Generationen noch nicht zugeschüttet werden kann.«
»Es ist ihr Wille«, sagte Volemak.
»Das Gespräch ist sinnlos«, sagte Nafai. »Nicht wahr, Mutter?«
Rasa seufzte. »Es gibt Dinge, die kein anständiger Mensch tun würde«, sagte sie. »Daran muß sich auch die Überseele halten.«
»Es gibt auch Dinge von größerer Bedeutung«, sagte Volemak.
»Ich habe diese drei letzten Kinder bekommen«, sagte Rasa. »Ojkib, Yasai und meine kleine kostbare Tochter. Ich würde jeden hassen, der sie mir nimmt. Sogar dich.« Sie schaute von Nafai zu Luet. »Oder dich.« Und dann sah sie ihren Gatten an. »Oder dich.« Sie stand auf und verließ das Zimmer.
Volemak seufzte und erhob sich ebenfalls. »Ihr werdet es sehen«, sagte er. »Die Überseele läßt sich nicht verhöhnen.«
»Aber die Überseele muß auch
Doch Volemak blieb nicht, um seinen Satz bis zu Ende zu hören.
Luet legte die Arme um Nafai und hielt ihn fest. »Ich hätte es dir früher sagen müssen«, erklärte sie. »Aber ich hatte Angst, daß du einfach
»Die Überseele kennt mich anscheinend besser als du«, sagte Nafai. »Deshalb hat sie es mir überhaupt nicht gesagt.«
»Komm zu Bett, Gatte«, sagte Luet.
»Ich muß noch ein bißchen arbeiten«, sagte er.
»Dann brechen wir eben einen Tag später auf«, sagte sie.
»Ich muß noch arbeiten.«
Sie seufzte, küßte ihn und ging.
Nafai schnitt sich eine Scheibe Brot ab, legte sie in eine leicht überreife Podoroschny und biß davon ab, als er das Wartungsgebäude verließ und zum Raumschiff zurückging.
›Was bist du aber klug.‹
Ich hoffe es, antwortete Nafai stumm.
›Alle glauben, ich hätte diese Angelegenheit nicht mit dir besprochen.‹
Das hast du auch nicht getan.
›Mich zu ignorieren ist nicht dasselbe, wie mich nicht zu hören.‹
Es war nie eine Diskussion. Es wird nicht dazu kommen.
›Es wird dazu kommen, weil es dazu kommen muß. Wenn du es nicht tust, wirst du getötet werden, und Luet ebenfalls.‹
Du kannst nicht in die Zukunft sehen.
›Elemak wird eure Kinder nehmen und zu Sklaven machen.‹
Er wird Kinder nicht für etwas bestrafen, das ihre Eltern getan haben.
›Er wird es Adoption nennen. Eiadh wird es in Sklaverei verwandeln.‹
Dazu wird es nicht kommen.
›Es wird dazu kommen, wenn du dich nicht mit sechs weiteren jungen Männern umgibst, die dir völlig ergeben sind.‹
Und ich sage dir erneut, zum tausendsten Mal, daß ich so etwas ohne die Zustimmung ihrer Eltern nicht einmal in Betracht ziehen werde. Und ich werde nicht einen Finger rühren, um sie zu überzeugen. Ich werde sogar dagegen sprechen.
›Das ist eine sehr kluge Strategie, Nafai. Dann werden sie dir nicht die Schuld geben können, wenn sie es bedauern, ihre Zustimmung erteilt zu haben.‹
Nafai schüttelte den Kopf. Sie werden dem nie zustimmen, sagte er stumm.
›Du unterschätzt meinen Einfluß.‹
4
Überzeugung
Schedemei sah erneut nach den Kindern. Zum drittenmal in dieser Nacht. Als sie wieder ins Bett zurückkam, war Zdorab wach.
»Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich hatte einen Traum.«
»Einen Alptraum, meinst du.«
Für einen Augenblick verstand sie ihn falsch. »Hattest du ihn auch?«
»Nein«, antwortete er ein wenig entrüstet. »War es einer von
»Nein, nein«, sagte sie. »Nicht vom Hüter der Erde, wenn du das meinst.«
»Fledermäuse und Wiesel.«
»Riesige Ratten. Die sehe ich wirklich nicht. Wenn es so eine Art von Traum ist, träume ich von Gärten.«
»Aber davon hast du diese Nacht nicht geträumt.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Und du willst es mir nicht sagen.«
»Wenn du möchtest, doch.«
Er wartete.
»Zdorab, ich habe wieder … uns gesehen, wie wir auf der Erde ankommen. Wir alle verlassen das Schiff. Du und ich unverändert, genau, wie wir jetzt sind. Aber dann sah ich diesen schönen jungen Mann und diese junge Frau, die ich nicht kannte. Er war stattlich und hatte ein kluges Gesicht, war fröhlich und stark. Sie war dunkelhaarig, aber ihr Lächeln war betörend, und sie lachte, und in ihren Augen war eine unglaubliche Intelligenz.«
»Und er war achtzehn, und sie war sechzehn.« Seine Stimme klang verbittert.
»Rokja und Dabja sind die einzigen Kinder, die ich je haben werde«, sagte sie.
»Willst du’s mir vorwerfen? Nach all diesen Jahren?«