Schedemei dachte kurz darüber nach. »Darauf bin ich gar nicht gekommen. Ich bin nicht eine von denen, die ›alles der Überseele überlassen‹.«
»Und außerdem«, sagte Zdorab, »woher weiß du, daß die Überseele dir nicht diese Worte in den Mund gelegt hat?«
»Ach, sei doch nicht so …«
»Ich meine es völlig ernst. Du hast gesagt, was dir gerade eingefallen ist. Woher weißt du, daß die Worte nicht von der Überseele kamen? Woher weißt du, daß du
»Tja, ich
»Na also. Du mußt ihnen gar nichts sagen.«
Darauf hatte sie keine Antwort. Er hatte recht.
Sie lagen lange schweigend da. Sie dachte schon, er würde schlafen. Dann sprach er, ein ganz leises Flüstern. »Wir sind nicht nur ein Mann mit Kindern und eine Frau mit Kindern, die sich dasselbe Haus und dieselben Kinder teilen. Nicht wahr?«
»Nein, nicht nur«, sagte Schedemei.
»Ich meine, wie sehr muß ein Mann seine Frau sexuell begehren, damit die Gefühle, die er ihr entgegenbringt, Liebe sind?«
Sie tastete sich vorsichtig an eine Antwort heran. »Ich weiß nicht, ob die Gefühle überhaupt sexueller Natur sein müssen«, sagte sie.
»Weil ich dich so bewundere. Und wie du mit Rokja und Dabja umgehst … das bereitet mir … Freude. Und wie du ihnen etwas beibringst, allen Kindern. Und wie du zu … zu mir bist. Du bist so freundlich zu mir.«
»Wie sollte ich denn sonst sein? Was sollte ich tun? Dich schlagen? Dich anschreien? Du bist der netteste Mann, den ich je kennengelernt habe. So nett, daß es mich fast in den Wahnsinn treibt. Du machst gar nichts falsch.«
»Abgesehen davon, daß ich dich nicht befriedige.«
Sie zuckte mit den Achseln. »Ich beklage mich nicht.«
»Aber ich liebe dich. Wie eine Schwester. Eine Freundin. Noch mehr als das, wie eine …«
»Wie eine Ehefrau«, sagte Schedemei.
»Ja«, sagte Zdorab. »Genau so.«
»Und ich liebe dich als meinen Gatten, Zdorab. Wie du bist. Einfach so.« Sie drehte sich zu ihm um, griff nach ihm und gab ihm einen Kuß auf die Wange. »Einfach so«, sagte sie erneut. Dann drehte sie sich wieder auf die andere Seite, ihm den Rücken zugewandt, und war kurz darauf eingeschlafen.
In den letzten Wochen vor dem Start des Raumschiffs
Huschidh war die erste. Sie sagte ihm, daß die Überseele recht habe und der Bruch zwischen ihm und Elemak niemals gekittet werden könne, so daß er bereit sein mußte. »Und halte dein Versprechen lieber nicht ein«, sagte sie. »Wecke während der Reise niemanden auf. Es wird zu einer Katastrophe kommen, wenn wir auf so engem Raum eingesperrt sind.«
»Danke für den Vorschlag«, sagte Nafai.
»Ignoriere ihn ruhig«, sagte Huschidh. »Du bist schließlich derjenige mit dem Mantel.«
»Fauch mich nicht an«, sagte Nafai. »Du bist Luets ältere Schwester, nicht meine.«
»Und wir alle wissen, was für tolle Exemplare
Beide lachten laut auf.
»Richte Luet bitte aus«, sagte Huschidh, »daß ich herausgefunden habe, daß die Bande zwischen Luet und mir zurückgekehrt und so stark wie eh und je sind, nachdem ich mich entschlossen habe, der Überseele zu gehorchen und euch meine vier ältesten Kinder zu geben, damit ihr sie während der Reise großzieht. Sie mochte anfangs Schuld an der Barriere tragen. Aber es war meine Schuld, daß die Wunde erst jetzt geheilt wurde.«
»Ich werde es ihr ausrichten«, erwiderte Nafai. »Aber sag es ihr doch lieber selbst.«
»Ich wußte, daß du mir das raten würdest«, gab Huschidh zurück. »Deshalb hasse ich dich.« Sie küßte ihn auf die Wange und ging.
Dann kamen Rasa und Volemak gemeinsam zu ihm. »Es war selbstsüchtig von uns, dir unsere Söhne vorenthalten zu wollen. Sie wurden spät geboren«, sagte Rasa. »Das ist eine Möglichkeit für sie, ihre älteren Brüder einzuholen.«
Volemak lächelte zurückhaltend. »Das interessiert mich weniger als Rasa. Wie üblich denkt sie mehr als ich an die Gefühle der Menschen. Ich denke nur daran, was wir alles aufgegeben haben, um so weit zu kommen, und wie dumm es wäre, die Überseele jetzt zurückzuweisen. Es gibt so etwas wie Vertrauen, Nafai. Setze nicht das Überleben der gesamten Kolonie, besonders das deiner eigenen Familie aufs Spiel, nur um dein Bild als das eines Mannes zu schützen, der stets das ›Richtige‹ tut.«
Nafai hörte seinem Vater zu, fand aber keinen Trost in dessen Worten. »Ich habe dieses Bild von mir verloren, als ich Gaballufix’ Kopf von seinen Schultern schnitt, Vater. Ich habe es seitdem an jedem Tag meines Lebens bedauert. Mir eine weitere Quelle der Schuld ersparen zu wollen, war töricht von mir, nicht wahr?«